Bedeutung

Ijtihad

اِجْتِهَاد

ijtihad · ij-tih-had

Ijtihad ist das eigenständige, methodisch disziplinierte Bemühen eines qualifizierten islamischen Gelehrten, aus Qurʾan, Sunnah und weiteren anerkannten Quellen ein Rechtsurteil abzuleiten, wenn keine eindeutige Textgrundlage die Frage unmittelbar beantwortet.

Alternative Schreibweisen

Ijtihad / Ijtihaad / Ijtehad / Ijtihād / Ejtihad

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Was ist Ijtihad?

Ijtihad stammt von der arabischen Wurzel j-h-d, die „sich bemühen“, „Kraft aufwenden“ oder „ernsthaft ringen“ bedeutet; ihr entstammt auch Jihad in seiner weiten Bedeutung des Strebens. In der islamischen Rechtstheorie ist Ijtihad die methodisch strenge geistige Anstrengung eines qualifizierten Rechtsgelehrten (Mujtahid), ein Urteil zu einer Frage abzuleiten, die Qur'an und Sunnah nicht ausdrücklich und eindeutig entscheiden. Dafür nutzt er anerkannte Werkzeuge wie Qiyas (Analogie), die Ziele der Scharia und weitere etablierte Methoden.

Mujtahid zu werden, ist kein beiläufiges Unterfangen. Klassische Gelehrte verlangten die vollständige Beherrschung des Arabischen und seiner Feinheiten, umfassendes Wissen über einschlägige Qur'an-Verse und Hadithe samt Kontexten und Überlieferungsketten, Kenntnis der bereits durch Ijma entschiedenen Fragen sowie eine gründliche Ausbildung in Usul al-Fiqh. Nur wer diesen Maßstab erfüllt, darf eigenständigen Ijtihad ausüben, statt lediglich bestehende Auffassungen wiederzugeben.

Ijtihad steht dem Taqlid gegenüber, also dem Befolgen eines etablierten Urteils oder Gelehrtenspruchs ohne eigene Neuableitung. Die Gründer der vier sunnitischen Madhabs – Abu Hanifah, Malik ibn Anas, al-Shafiʿi und Ahmad ibn Hanbal – waren selbst herausragende Mujtahids. Spätere Gelehrte ordneten, verfeinerten und übertrugen ihre grundlegenden Methoden über Generationen auf neue Fragen.

Seit Langem wird darüber gestritten, ob die „Tore des Ijtihad“ geschlossen seien. Manche spätere Gelehrte meinten, nach den prägenden Jahrhunderten könne niemand mehr alle Voraussetzungen erfüllen, und befürworteten die Orientierung an den gesammelten Urteilen der Madhabs. Andere widersprechen entschieden: Ijtihad bleibe jedem offen, der seine Bedingungen wirklich erfüllt. Fortdauernde Urteilsbildung zu Bioethik oder digitalen Finanzen zeige, dass dieses Tor nie tatsächlich geschlossen war.

In der Praxis hält Ijtihad das islamische Recht lebendig und reaktionsfähig gegenüber wirklich neuen Umständen. Zugleich bleibt es fest an Qur'an und Sunnah gebunden und wird nicht zu ungebundener persönlicher Meinung.

Beispiele für Ijtihad

  • Moderne medizinische Verfahren: Gelehrte beurteilen etwa Organtransplantation oder Gentests, die klassische Texte nicht ausdrücklich erwähnen.
  • Neuerungen im islamischen Finanzwesen: Rechtsgelehrte prüfen neue Produkte anhand der Scharia-Grundsätze zu Riba und spekulativem Risiko.
  • Urteile Umar ibn al-Khattabs: Als Beispiel gilt sein eigenständiges Urteil, die Hadd-Strafe für Diebstahl während einer Hungersnot auszusetzen.
  • Digitale Währungen: Moderne Fiqh-Räte beurteilen durch Ijtihad neue Kryptowährungen und Onlinegeschäfte.

Belege aus Qur'an & Hadith

„O die ihr glaubt, gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten und den Befehlshabern unter euch! Wenn ihr über etwas uneinig seid, dann bringt es vor Allah und den Gesandten.“ — Surah An-Nisa 4:59

Als der Prophet ﷺ Muʿadh ibn Jabal in den Jemen entsandte, fragte er, wonach dieser urteilen werde. Muʿadh nannte zuerst den Qur'an, dann die Sunnah und schließlich sein eigenes begründetes Urteil, was der Prophet ﷺ billigte. — Sunan Abi Dawud 3592

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Ijtihad?

Ijtihad bedeutet gewissenhaftes, eigenständiges Bemühen. Im islamischen Recht ist es das strenge methodische Urteilen eines qualifizierten Gelehrten anhand von Qurʾan, Sunnah und anerkannten Verfahren, wenn kein eindeutiger Text die Frage direkt entscheidet.

Wer ist zu Ijtihad qualifiziert?

Ein Mujtahid muss Arabisch sicher beherrschen, umfassende Kenntnisse von Qurʾan und Hadith besitzen, frühere Konsensentscheidungen kennen und gründlich in Usul al-Fiqh, der Rechtsmethodik, ausgebildet sein.

Was ist das Gegenteil von Ijtihad?

Das Gegenstück ist Taqlid: einem bereits feststehenden Urteil oder der Entscheidung eines qualifizierten Gelehrten zu folgen, ohne es selbst neu aus den Primärquellen abzuleiten.

Übten die Gründer der vier sunnitischen Madhabs Ijtihad aus?

Ja. Die Imame Abu Hanifah, Malik, al-Shafiʿi und Ahmad ibn Hanbal waren hochqualifizierte Mujtahids. Ihr methodisches eigenständiges Urteilen legte die Grundlagen ihrer Rechtsschulen.

Sind die „Tore des Ijtihad“ heute geschlossen?

Darüber wird lange gestritten. Manche halten vollqualifizierten unabhängigen Ijtihad seit der klassischen Epoche für selten; andere sehen ihn für jeden Gelehrten offen, der die strengen Voraussetzungen erfüllt – besonders bei neuen Fragen.