Bedeutung
Qisas
قِصَاص
qisas · ki-saas
Qisas ist der islamische Rechtsgrundsatz der gleichartigen Vergeltung bei Mord oder Körperverletzung. Er erlaubt dem Opfer oder dessen Erben, eine entsprechende Strafe zu verlangen, eine Entschädigung anzunehmen oder dem Täter zu vergeben.
Alternative Schreibweisen
Qisas / Qesas / Kisas / Qisaas / Qesaas
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Was ist Qisas?
Qisas geht auf die arabische Wurzel q-s-s zurück, die „folgen“, „eine Spur verfolgen“ oder „ein entsprechendes Maß anstreben“ bedeutet. Im islamischen Strafrecht bezeichnet der Begriff die gleichartige Vergeltung für vorsätzliche Tötung oder Körperverletzung: Die Strafe soll dem zugefügten Schaden folgen und ihm entsprechen. Qisas bildet neben Hudud (festgelegten Strafen) und Ta’zir (Ermessensstrafen) eine Säule des islamischen Strafrechtssystems.
Entscheidend ist, dass Qisas nicht einfach eine vom Staat zwingend verhängte Strafe darstellt. Es ist ein Recht (Haqq) des Opfers oder, im Fall einer Tötung, seiner Erben. Darin unterscheidet es sich von vielen modernen Strafrechtssystemen, in denen allein der Staat anklagt und bestraft. Im Rahmen von Qisas hat die geschädigte Partei drei Möglichkeiten: Sie kann eine dem erlittenen Schaden entsprechende Vergeltung verlangen, stattdessen Diyah (finanzielle Entschädigung) annehmen oder dem Täter vollständig vergeben und sowohl auf Vergeltung als auch auf Entschädigung verzichten. Die islamische Lehre stellt Vergebung durchgängig als die tugendhafteste dieser Möglichkeiten heraus, wahrt aber zugleich das Recht des Opfers auf Gerechtigkeit.
Die vier sunnitischen Madhabs stimmen in der Grundstruktur von Qisas überein, unterscheiden sich jedoch in mehreren rechtstechnischen Fragen. Sie erörtern beispielsweise, ob Qisas gilt, wenn ein Muslim einen Nichtmuslim tötet oder umgekehrt, ob Eltern für die Tötung ihres eigenen Kindes Qisas unterliegen können und wie Fälle zu behandeln sind, in denen die Tötungsabsicht nicht eindeutig ist. Eine halbvorsätzliche Verletzung wird etwa gewöhnlich anders behandelt als ein vollständig geplanter Mord und führt häufig eher zu Diyah als zu Qisas.
In der Praxis setzt Qisas einen äußerst hohen Beweisstandard voraus: ein Geständnis oder die Aussage mehrerer glaubwürdiger Zeugen. Dies entspricht der Schwere der Strafe und der allgemeinen islamischen Zurückhaltung, wenn Leben oder körperliche Unversehrtheit auf dem Spiel stehen. Bestehen Zweifel, neigen Rechtsgelehrte dazu, die härteste Strafe zu vermeiden. Dieser Grundsatz wird häufig mit den Worten zusammengefasst: „Wendet festgelegte Strafen bei Zweifeln ab.“ Diyah wiederum ist eine bereits vor dem Islam bestehende Tradition, welche die Scharia als humane Alternative bewahrte und regelte, die Täter dennoch zur Verantwortung zieht.
Über den Gerichtssaal hinaus vermittelt Qisas eine moralische Botschaft, die unmittelbar im Koran verankert ist: In diesem Gesetz der Vergeltung liegt „Leben“, weil ein glaubwürdiges System verhältnismäßiger Folgen Gewalt abschreckt und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens schützt. Zugleich bleibt Vergebung als Weg zu Heilung und göttlichem Lohn offen.
Beispiele für Qisas
- Vergeltung für Mord: Die Erben eines Mordopfers können rechtlich verlangen, dass der Täter für eine vorsätzliche Tötung eine entsprechende Strafe erhält.
- Diyah annehmen: Die Familie eines Opfers kann sich statt Vergeltung für eine finanzielle Entschädigung entscheiden und den Fall durch Diyah beilegen.
- Vergebung statt Qisas: Die Familie eines Opfers kann dem Täter vollständig vergeben und aus Barmherzigkeit sowohl auf Vergeltung als auch auf Entschädigung verzichten.
- Qisas bei Körperverletzung: Bei vorsätzlicher körperlicher Schädigung, etwa dem Verlust eines Auges, kann Qisas die Forderung nach einer entsprechenden Verletzung, nach Entschädigung oder nach Vergebung ermöglichen.
Belegstellen in Koran & Hadith
„O die ihr glaubt, vorgeschrieben ist euch die Wiedervergeltung für die Getöteten … Wem aber von seinem Bruder etwas erlassen wird, so soll die Verfolgung auf angemessene Weise und die Leistung an ihn auf gute Weise geschehen.“ — Sure Al-Baqarah 2:178
„Und Wir haben ihnen darin vorgeschrieben: Leben um Leben, Auge um Auge, Nase um Nase, Ohr um Ohr, Zahn um Zahn; und auch für Verwundungen Wiedervergeltung.“ — Sure Al-Ma’idah 5:45
Der Prophet ﷺ sagte: „Das Blut eines Muslims ist nur in drei Fällen erlaubt: Leben um Leben, beim verheirateten Ehebrecher und bei demjenigen, der seine Religion verlässt und sich von der Gemeinschaft trennt.“ — Sahih al-Bukhari 6878
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Qisas?
Qisas bedeutet gleichartige Vergeltung oder angemessene Wiedervergeltung. Es ist ein Grundsatz des islamischen Strafrechts, der bei vorsätzlicher Tötung oder Körperverletzung eine verhältnismäßige Reaktion ermöglicht.
Ist Qisas zwingend vorgeschrieben oder kann darauf verzichtet werden?
Qisas ist ein Recht des Opfers oder seiner Erben und keine Strafe, die der Staat zwingend verhängen muss. Sie können Vergeltung verlangen, Diyah (finanzielle Entschädigung) annehmen oder dem Täter vollständig vergeben. Zur Vergebung wird nachdrücklich ermutigt.
Worin unterscheiden sich Qisas und Diyah?
Qisas ist eine dem zugefügten Schaden entsprechende Vergeltung. Diyah hingegen ist eine festgelegte oder ausgehandelte finanzielle Entschädigung, die anstelle körperlicher Vergeltung an das Opfer oder seine Erben gezahlt wird.
Unterscheiden sich die vier Madhabs in Bezug auf Qisas?
Die vier sunnitischen Madhabs stimmen im Grundaufbau von Qisas überein, unterscheiden sich jedoch in Einzelheiten – etwa bei der Anwendung zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, zwischen Eltern und Kindern sowie bei fahrlässiger im Gegensatz zu vorsätzlicher Schädigung.
Warum erlaubt der Islam Opfern, Vergebung statt Qisas zu wählen?
Der Koran stellt Vergebung als geistig höherwertig als Vergeltung dar. Er fördert Versöhnung und Barmherzigkeit, wahrt aber zugleich Gerechtigkeit und Abschreckung für diejenigen, die ihr Recht geltend machen möchten.